Samia M.:
Nein, ich wollte nicht verheiratet werden. Aber meine Familie bedrängte mich ständig, mein Vater drohte mir sogar, mich zu verstoßen. So ist das oft bei uns in Marokko. Wir Mädchen dürfen nicht denjenigen heiraten, den wir lieben, wenigstens ist es so auf dem Land. Also floh ich in die Stadt. Aber dort hatte ich auch keine Ruhe, denn meine Brüder fanden mich und brachten mich wieder nach Hause. Das war so demütigend. Alles ging wieder von vorne los. Mein Vater brüllte mich an, meine Mutter zeigte mir ihre Enttäuschung. Ich durfte das Haus nicht mehr alleine verlassen. So konnte ich und wollte ich nicht leben. Manchmal dachte ich daran, mich umzubringen. Aber dazu war ich nicht mutig genug. Nachts lag ich oft in meinem Bett und weinte. .. Kurz vor meinem 16.Geburtstag war es dann soweit. Ich floh nachts durch mein Zimmerfenster. Der Gedanke, in den nächsten Tagen den Eltern des von mir verhassten zukünftigen Bräutigams vorgeführt zu werde, verlieh mir Kräfte. Ich lief in dieser Nacht stundenlang über die Landstraße und erreichte am nächsten Morgen das Büro einer Frauenorganisation…. Ich müsse weiter weg, sagte man mir, in ein ganz anderes Land. Alle sprachen von Spanien, wo die Frauen nicht zwangsverheiratet werden. Nach ein paar Wochen war es dann soweit. Ich hatte Glück und kam auf gefährlichen Wegen in das von allen so gelobte Land. ….Ein schlimmer Zufall wollte es, das unter den Marokkanern, die wie ich illegal in Spanien waren und in der gleichen Plantage arbeiteten, einer war, der meine Familie kannte.
Er drohte mir, meinen Vater über meinen Aufenthaltsort zu informieren, wenn ich nicht mit ihm ins Bett steigen würde….Ich floh noch einmal, und zwar nach Deutschland. Hier geht es mir gut, denn eine kirchliche Organisation hat mir immer wieder bei allen auftretenden Schwierigkeiten geholfen. Nur die Gesetze gegen die Migranten machen mir Angst. Denn ein Zurück nach Marokko gibt es nicht für mich. Da müsste ich dann noch einmal fliehen. Aber wohin?
Antonio V.:
Niemand glaubt mir hier, dass ich ein Fachmann im Gartenbausektor bin. In Lateinamerika habe ich ein Studium absolviert und im Forst- und Gartenbau gearbeitet. Der Verdienst war aber immer so schlecht, dass ich meine Familie davon nicht versorgen konnte. Und dann hatte ich gar keine Arbeit mehr. Wer kann sich hier in Deutschland schon vorstellen, was das bedeutet? Die Angst, mit der Frau und den zwei kleinen Kindern in den Slums zu landen, da man sich nicht einmal eine bescheidenste kleine Wohnung leisten kann. Ich habe mich überall beworben, sogar in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern. Aber ich erhielt keinen festen Arbeitsplatz….. Dann wurde ein Kind krank. Wir mussten uns Geld leihen, um es behandeln zu lassen. Da dachte ich mir, jetzt kann es nur noch eine Arbeit in der reichen Welt helfen. Immer und immer wieder erzählten mir ähnlich betroffene Menschen vom großen Glück, wenn man in der reichen Welt, also in der USA oder Europa, Geld verdienen kann…. Spanien oder Deutschland wurden von den meisten empfohlen. Spanien wegen der Sprache und dem Wetter, und Deutschland, weil die Menschen dort sehr hilfsbereit mit Illegalen umgehen…..
Jetzt bin ich drei Jahre hier, bin 38 Jahre alt, habe manchmal Arbeit, manchmal nicht. Ich schneide Bäume, Hecken, mähe den Rasen und grabe den Boden um. Mal bekomme ich 5 Euro, mal 7,50 Euro pro Stunde. Wenn ich etwas Geld für den Busfahrschein bekomme, freue ich mich sehr, denn man hat hohe Kosten hier in Deutschland. Es ist alles sehr teuer. Davon hatte mir niemand erzählt. Ich lebe sehr sparsam, habe nur ein Bett und einen kleinen Schrank in einer Wohngemeinschaft. Beim Essen spare ich auch. Manchmal trinke ich einen billigen Wein von ALDI. Der ist aus Chile und schmeckt sehr gut. Dann träume ich von Zuhause, von meiner Frau und meinen Kindern, die ich nun schon drei Jahre nicht gesehen habe… So vergehen die Tage, Wochen, Monate, Jahre. Nie hätte ich gedacht, dass ich so lange bleibe. Aber ich denke immer, noch habe ich nicht genug verdient. Vor allem, wenn ich mal wieder keine Arbeit hatte, nur die Auslagen bezahlen musste, möchte ich unbedingt wieder arbeiten, um wieder etwas Geld zu haben. Denn ich will und muss meiner Familie Geld überweisen. Und zwar für die Schuldentilgung und fürs Überleben.
Tang J.:
Wenn ich die Landsleute in den vielen China-Restaurants sehe, dann frage ich mich, warum dürfen die legal hier arbeiten und ich nicht? Aber alles der Reihe nach, damit man mich verstehen kann. In Peking bewarb ich mich an der Hochschule für ein studentisches Austauschprogramm, um in das Land meiner Träume, nach Deutschland zu kommen. Die deutsche Sprache lernte ich am Pekinger Goethe-Institut. Das war nicht einfach, aber ich lernte dabei auch das ferne Land in Europa kennen und lieben, die Kultur vor allem, die großen Schriftsteller und Komponisten. Heinrich Böll und Ludwig van Beethoven wurden meine Favoriten. Also träumte ich von Köln, der Heimat Bölls, und von Bonn, der Stadt Beethovens. So kann sich jeder vorstellen, wie groß meine Freude war, als ich für das Austauschprogramm angenommen wurde und auch noch ausgerechnet nach Bonn kam…
Das Austauschprogramm war beendet. Ich hätte wieder zurück nach Peking reisen müssen. Aber mittlerweile verstand ich die Bonner Sprache besser….Ich war im Beethoven-Haus und bei Konzerten in der Beethoven-Halle regelmäßiger Gast. Mein Vermieter war sehr nett zu mir. Ich traf regelmäßig Landsleute bei Tee und Bier. Ich wollte nicht mehr zurück. Aber meine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen. Sollte ich nur wegen dieses Papiers alles aufgeben?
Ich kämpfte sehr mit mir. Dort meine Familie, meine Heimat, aber auch die Armut, sehr schlecht bezahlte Arbeit, wenn man überhaupt eine Stelle bekam. Hier meine Freundin, die großartige fremde Kultur, mein Job. Was mache ich denn falsch, wenn ich hier bleibe? Alle sprechen doch von Globalisierung. Viele Deutsche arbeiten überall auf der Welt. Ich kenne zum Beispiel einen deutschen Studenten, der am Ende des Austauschprogramms in China geblieben ist, da er dort eine Freundin und auch Arbeit gefunden hat. Bei mir ist das doch nicht anders. Warum arbeitet und lebt der Deutsche in China legal und ich hier illegal?
Ich will kein Koch werden müssen, um legal in Deutschland leben zu können. Ich bin Techniker und will es bleiben. Und überhaupt. Ein Deutscher ist jetzt in China, ein Chinese in Deutschland. Da ist doch die Bevölkerungsbilanz wieder ausgewogen.